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H.-J. Kurandt: „Wollten Musik und Mode rüberbringen“

Hans-Jürgen Kurandt: „Wir waren reine Amateure.“Foto: SWB/HL Hans-Jürgen Kurandt: „Wir waren reine Amateure.“Foto: SWB/HL

Torgau, 8. 2. 2018.  Im SonntagsWochenBlatt-Gespräch erklärt Hans-Jürgen „Hansi“ Kurandt, Gründungsmitglied der Band Extrem, welchen Stellenwert Tanzmusik in Torgau einnahm.

SWB: Sie gelten als Initiator der Ausstellung „50 Jahre Tanzmusik in Torgau“. Warum mussten wir so lange darauf warten?
Hans-Jürgen Kurandt: Ich hatte die Idee, Instrumente und gesammeltes Material über die Torgauer Musikgeschichte öffentlich zu zeigen, schon länger im Kopf. Der Gedanke wurde verstärkt, als das Museum Torgau vor einigen Jahren eine Ausstellung über die Mode in der DDR zeigte und das Duo Accord dort auftrat. Hans-Joachim Baß (Mitglied der ehemaligen Extremband, Anm. d. Red.) fragte mich, ob wir nicht auch über Musik ausstellen wollen.

Was geschah dann?
Sein Ansinnen verstärkte meinen Wunsch: Ich hatte viel Material gesammelt, Instrumente gepflegt und aufbewahrt, vor dem Sperrmüll gerettet. Ehemalige Musiker-Kollegen hatten ebenfalls Ausstellungsstücke im Keller oder auf dem Boden. Ich suchte im Torgauer Zentrum ein Schaufenster eines leer stehenden Geschäfts. Leider kam es zu keiner Einigung mit Besitzern oder Immobiliengesellschaften.

Wie ging es dann weiter?
Bei einer Nachfrage wegen geeigneter Räumlichkeiten stieß ich bei Jana Wittenbecher vom Torgauer Kunst- und Kulturverein „Johann Kentmann“ e.V. auf Interesse. Es ergab sich nur ein kleines Zeitfenster von Januar bis März, um auszustellen. Die schnell gegründete AG mit den ehemaligen Mitgliedern der Extremband – Klaus Schönfelder, Thomas Stöber und Hans-Joachim Baß – machte sich an die Arbeit. Wir sind froh, dass es geklappt hat: Die Stücke sind gesichert und versichert, stellen sie einen großen virtuellen und materiellen Wert dar.

Die Vorbereitungen dürften für Sie auch eine Reise in die Vergangenheit gewesen sein.
Richtig. Die Sichtung des Materials und der Fotos weckte Erinnerungen. Beispielsweise fanden wir über ein altes Foto ein Claviset  (eine Kleinorgel, Anm. d. Red.) auf einem Boden in Zinna, genau so eins, auf dem ich das Spielen gelernt hatte. Die Vorbereitungen bedeuteten viel Arbeit. Aber es hat Spaß gemacht und der Aufwand hat sich gelohnt.

Sie haben die Tanzmusik in Torgau maßgeblich mitbestimmt. Wo liegen Ihre musikalischen Wurzeln?
Schon mein Vater spielte Klavier und meine Großmutter legte großen Wert darauf, dass ich ein Instrument lerne, damit die Hausmusik weiter gepflegt wird. Ich nahm Klavierunterricht, spielte später alle möglichen Tasteninstrumente.

Wie schwer oder leicht war es damals, Musik zu machen?
Es war nicht schwer. Man gründete eine Band, beantragte beim Rat des Kreises, Abteilung Kultur die Spielerlaubnis, um öffentlich auftreten zu dürfen. Mit der Spiel-erlaubnis erfolgte später eine Einstufung. In den Anfangszeiten bekamen wir pro Nase 25 bis 30 DDR-Mark pro Auftritt.

DDR-Musiker glänzten mit einer hervorragenden Ausbildung – sie beherrschten ihre Instrumente. Schwerer war es, Gesellschaftskritik in Texte zu verpacken.
Wir waren reine Amateure, haben Titel nachgespielt. Es gab zwar Versuche, eigene Titel zu schreiben. Das war kompliziert und kam beim Publikum nicht so gut an. Die Leute wollten die tanzbaren Titel aus dem Radio hören. Für Gesellschaftskritik waren wir eine Nummer zu klein.

In den 1960er-Jahren revolutionierten Bands wie die Beatles, Lords und Rolling Stones die Musikbranche. Wie weit reichte deren Einfluss?
In der Zeit gründeten sich neben den schon bestehenden Tanzkapellen die sogenannten Beatgruppen. Von ersten Proben im Waschhaus, Kellern oder Speiseräumen ging es dann raus zu Schulveranstaltunegn und auf die Bühne. Namen wie: The Rockets, Jolana-Combo und Kometen waren in aller Munde.

Die alten Band-Fotos zeigen Musiker im „Sonntagsstaat“. Wann hielt die Rock-‘n‘-Roll-Mode Einzug in die Garderoben?
Aber Mitte der 1960er gab es gleiche Anzugsordnung, ausgefallene Klamotten wie Hemden mit Rüschen aus dem Centrumwarenhaus Leipzig oder maßgeschneidert, dazu passender Hut, längere Haare und Bärte. Schließlich wollten wir nicht nur Musik, sondern auch Mode rüberbringen.

Wie gestaltete sich ein normaler Tanzabend?
Es gab die Tanzabende für das reifere Publikum, wo ausschließlich Schlager gespielt wurden und den Jugendtanz. Dort kochten schon mal die Emotionen hoch, auch weil sich der Tanzstil änderte.

Eckte man mit der Obrigkeit an?
Das kam schon vor, wenn man Titel, die verboten waren, trotzdem spielte und der Veranstalter nicht mehr Herr der Lage war. Dann musste man beim Rat des Kreises antanzen und Rechenschaft ablegen und sich verpflichten, dass das in Zukunft nicht wieder passiert. Es drohten Verbote und Spielsperren. Schließlich stellten die Auftritte eine zusätzliche Einnahmequelle dar und wir benötigten das Geld für neue Instrumente, die nicht gerade billig waren.

Was für ein Gefühl war das, auf der Bühne zu stehen?
Natürlich war man aufgeregt: Wir waren schließlich fast in allen Bezirken der ehemaligen DDR unterwegs und mussten erst „erkunden“, wie das Publikum auf uns reagiert. Unser Repertoire war entsprechend groß, reichte von Seemannsliedern, über Stimmungsmusik bis hin zu Schlagern und Rockmusik.

Wie sehen Sie heute die Musikszene in Torgau?
Sie hat sich sehr verändert. Es gibt nur noch wenige Tanzbands, so wie wir es waren. Die Musikrichtungen sind vielfältiger geworden, junge Bands spielen oft nur in den eigenen vier Wänden, kommen seltener auf die Bühnen.  Schade, dass es die MENK-Bühne nicht mehr gibt. Junge Bands hatten dort eine gute Auftrittsmöglichkeit. Ich selbst bin nicht mehr aktiv, hole jetzt nach, was ich zu DDR-Zeiten an Musik verpasst habe, fahre zu Konzerten und bin oft in der Kulturbastion.

Steht eine Verlängerung der Ausstellung im Raum?
Das ist nicht so einfach, weil viele Exponate Leihgaben sind. Also, wer die Ausstellung noch nicht gesehen hat, sollte sich beeilen. Durch die originalen Instrumente und die vielen Fotos aus der Zeit ist sie authentisch.  Ich bin sehr zufrieden, wie die Ausstellung angenommen wird. Davon zeugen viele Anrufe, wo sich Leute melden, deren Väter oder Großväter früher in Bands mitgespielt haben.
Gespräch: H. Landschreiber

Die Ausstellung „50 Jahre Tanzmusik in Torgau“ in der Kleinen Galerie in der Pfarrstraße 3 in Torgau ist bis zum 1. März von dienstags bis freitags von 10 bis 17 Uhr sowie sonntags von 14 bis 17 Uhr zu sehen.